facebook
 

Äthiopien 2012/13

Kefitfitu Fitu - Es kommt nicht (nur) auf das Essen an, sondern wie man es serviert

Eine Reise über den eigenen Horizont hinaus in die äthiopische Kultur

 

Man kam sich schon vor wie in einer Parallelwelt. Und das, obwohl die Reise noch nicht einmal so richtig begonnen hatte. Am ersten Weihnachtsfeiertag fanden sich vier deutsche, junge Berufstätige am Frankfurter Flughafen wieder. Anstatt den 25.12. traditionell im Kreise ihrer Familien zu verbringen, sich über Geschenke zu freuen und die Weihnachtsgans zu genießen, reisten sie auf Initiative und in Begleitung von Pastor Simret Mahary nach Äthiopien. Dabei überraschte schon das unerwartet rege Treiben morgens gegen 7Uhr am Flughafen. Ein großer Teil der Welt ist also auch in Deutschland an den Weihnachtsfeiertagen unterwegs. Wieder etwas dazugelernt. Und weitere Horizonterweiterungen sollten folgen.

 

Wozu waren wir eigentlich aufgebrochen? Auf dem Programm für unsere 14-tägige Reise standen die Renovierung einer Gesundheitsstation in Fessa, einer dörflichen Gemeinschaft 250km südwestlich von Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien. Danach sollte es nach Harar gehen, in eine Jahrhunderte alte Stadt im Osten Äthiopiens, in der Muslime und Christen friedlich zusammenleben. Deshalb wird Harar auch als Stadt Friedens bezeichnet und gilt als Unesco-Weltkulturerbe.

 

Ein Jahr zuvor, im Sommer 2011, war schon einmal eine Gruppe aus Deutschland in Fessa aktiv gewesen und hatte die Schule im Ort renoviert und mediznische Dienste in der kleinen Klinik vor Ort angeboten. So ergaben sich die Fortsetzung der Arbeiten an der Klinik und auch die Gelegenheit, der Schule einen Besuch abzustatten.

 

Einen Tag nach unserer Ankunft nutzten wir die Chance jeden Klassenraum zu besuchen und mit Schülern und Lehrern ins Gespräch zu kommen, um ein bisschen besser die Situation  der Schule zu verstehen. Insgesamt steckt die Bildungseinrichtung trotz überzeugend guter pädagogischer Arbeit und angenehmer Lage in finanziellen Schwierigkeiten. Als Schule in kirchlicher Trägerschaft wird sie vom Staat nicht unterstützt und muss für sämtliche Ausgaben selbst aufkommen. Die Bewohner der umherliegenden Dörfer haben nur einen geringen finanziellen Spielraum, um ihren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen. So entstehen einige Schwierigkeiten für die Familien und die Schule.

 

Parallel zu diesen neuen Eindrücken zur Situation beschäftigten wir uns außerdem mit der Gesundheitsstation. Zum einen boten eine Zahnärztin und ein Apotheker aus Deutschland, die ein Paar Tage vor uns angereist sind, und ein Arzt aus Äthiopien für eine knappe Woche ihre wertvollen Dienste kostenlos an, was von der Bevölkerung gut genutzt wurde. Zum anderen packten bei den Renovierungsarbeiten sowohl die Belegschaft der Einrichtung, Bewohner von Fessa, Schüler der Schule als auch angeworbene Handwerker tatkräftig mit an. Es war eine sehr fröhliche und angenehme Arbeitsatmosphäre und am Ende gelang es uns sogar, die Wände des Wartebereichs mit Bildern und Gesundheitshinweisen zu versehen - eine wahre Gemeinschaftsproduktion. Kefitfitu fitu! Leider war die Zeit in Fessa viel zu kurz und bald mussten wir den Weg nach Addis antreten. In einer letzten morgendlichen Wanderung genossen wir die erfrischende Bergluft erfüllt von der Herzenswärme der Menschen der Gurage-Region und reisten per Linienbus und mit vielen offenen Fragen, wie es dort wohl weitergehen wird, in die Hauptstadt.

 

Als nächstes stand der Besuch von Harar auf dem Programm. Auf einem Erkundungsspaziergang durch die Stadt wurden wir in das wunderschön verzierte Haus einer Harari-Familie eingeladen und konnten das friedliche Zusammenleben Menschen verschiedener Religionen mit unseren Gastgebern erörtern. Das war unheimlich spannend. Außerdem wartete die Stadt mit den aufregenden Möglichkeiten auf, wilde Hyänen und Adler zu füttern; Touristen werden beinahe buchstäblich zu gefundenem Fressen für diese Tiere. Wir ließen uns vom Markttreiben mitreißen und genossen Zuckerrohr, Falaffel (Kichererbsenbällchen), Kaffeeduft und Verhandlungen beim Ziegenkauf. Und auch hier in Harar waren wir immer wieder von der Gastfreundschaft der Menschen und ihrer Offenheit für Fremde überwältigt. Verwandte der Familie Mahary, die in Harar ansässig sind, begleiteten uns durch die engen und malerischen Gassen der Stadt, luden uns zum Essen und Kaffee trinken ein und ermöglichten es auch, dass wir eine Khat[1]-Farm besichtigen konnten, wo uns zu Ehren beinahe noch eine Ziege geschlachtet worden wäre. Sie hatte Glück gehabt, da wir angesichts der nahenden Dunkelheit wieder aufbrechen mussten.

 

Insgesamt wurden wir auf dieser Reise so und so in viele Familien eingeladen, um Platz zu nehmen, zu essen, zu verschnaufen, ins Gespräch zu kommen. Dadurch erlebten wir einen intensiven Austausch und lernten bekannte aber auch neue Freunde sehr viel näher kennen als zuvor. Es war ein Genuss und eine Herzlichkeit, die ansteckte und uns sehr viel Freude bereitete. Man sagt, dass Äthiopien ein Land ist, das viel Liebe zu geben hat. Wir durften diese Liebe spüren und erleben. Es war ein so großes Geschenk, das uns auch noch jetzt, Wochen nach unserer Reise, trägt und erfreut. Und wenn uns auch in Gesprächen, im Reisen und im Beobachten des alltäglichen Lebens auf Äthiopiens Straßen immer wieder auch große Unterschiede zwischen der unserigen und der dortigen Kulturen aufgefallen sind, so merkten wir auch, dass es nicht immer nur auf das Essen ankommt, sondern auch darauf wie man es serviert. Von dieser Wahrheit können wir uns in Deutschland nur inspirieren lassen.

 

Übrigens, äthiopisches Essen wird nicht nur freundlich serviert sondern schmeckt auch sehr lecker! J 

 

Romy Schuster, Februar 2013



[1] Eine Droge, die in Äthiopien, insbesondere in der Harar-Region, angebaut und kauenderweise genossen wird.

 


Mehr Bilder zu sehen auf: http://www.facebook.com/media/set/?set=a.458726294174434.113233.190284774351922&type=1

 

Erstellt am 19.02.2013 von Susanne Molke